Wegen Renovierung ist der Raum Fahrzeug-Design/Mobility vorübergehend geschlossen.
 
Ein Rennwagen ist schöner als die Nike von Samothrake – dies verkündete 1909 der italienische Dichter Marinetti in seinem Futuristischen Manifest und stellte damit die Schönheit der dynamischen Bewegung, den Rausch purer Geschwindigkeit höher als die Kunst einer berühmten antiken Statue. Objekt der Begierde ist das Automobil seit damals geblieben und prägt unsere Zivilisation wie kein anderer Gegenstand. Kurz nachdem 1955 der bahnbrechend gestaltete Citroen DS 19 vorgestellt wurde, konstatierte der französische Philosoph Roland Barthes, das Auto sei heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen. Gemeint ist damit das Auto als Summe aller kreativen Energien unserer Zeit.
 
Nach Design Vision ist daher dem Thema Fahrzeugdesign ein zeitübergreifender Exkurs gewidmet. Doppelgeschossig öffnet sich dieser Raum nach außen; in hoch gebauten Regalstrukturen stehen die ausgestellten Objekte in bewußtem Sichtbezug zur Alten Pinakothek und der Kunst der Vergangenheit.
 
1885/86 bauten Gottlieb Daimler und Carl Benz die ersten Kraftfahrzeuge. Die Form leitete sich noch von Kutschen und Pferdefuhrwerken ab. Erst die zwanziger Jahre brachten hier eine Veränderung und den Beginn des eigentlichen Automobil-Design. Unter anderem ermöglichten selbsttragende Karosserien eine freiere Gestaltung der äußeren Form. Die entscheidenden technisch-konstruktiven und formalen Neuerungen stammten von Ingenieuren und Konstrukteuren. Der vormalige Direktor des Bauhauses, der Architekt Walter Gropius, der für die Frankfurter Automobilfirma Adler tätig war, formulierte Ende der zwanziger Jahre die Prämissen für diese neuartige Designaufgabe: „das maß der schönheit eines automobils hängt nicht von schnörkeln ab …, sondern von der harmonie des ganzen organismus, der logik seiner funktionen, der inneren wahrhaftigkeit… die außenform hat also ästhetisch gesprochen genauso zu ‚funktionieren’ wie der technische apparat.“ Aber nicht nur die Funktionalität, sondern vor allem Dynamik und Geschwindigkeit bestimmten die weitere Entwicklung. Strömungsgünstige Karosserieformen prägten nun das fortschrittliche Automobil. Die Basis dazu bildeten häufig Erkenntnisse aus der Luftfahrt. Mit der Stromlinienform fand man in den dreißiger Jahren das eindrücklichste Symbol für den Geschwindigkeitsrausch.
 
Der Wiener Paul Jaray gehört zu den Pionieren der Stromlinienform. Auf seinen Patenten basieren zahlreiche aerodynamisch gestaltete Fahrzeuge: der sogenannte „Autobahn Adler“ oder das „Steyr Baby“, aber auch das wohl imposanteste Automobil dieser Richtung: der „Tatra 87“ – und selbst der „Käfer“ mit seiner gemäßigten Umsetzung dieser Formprinzipien. Die Stromlinienform löste zugleich einen grundsätzlichen Wandel im Automobil-Design aus: Nicht mehr der Motor und das Fahrgestell dienten als Ausgangspunkt des Entwurfs, sondern die Karosserieform, der alles andere untergeordnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es der Citroen DS 19, gestaltet von dem italienischen Bildhauer Flaminio Bertoni, oder der einige Jahre später vorgestellte NSU Ro 80 von Claus Luthe, das erste Serienauto mit Wankelmotor und Wegbereiter der Keilform, die neue Epochen im Fahrzeugdesign einleiteten. So bewegt sich die Gestaltung von Fahrzeugen – diesen Ikonen des Industriezeitalters – zwischen den Extremen Funktionalität und symbolische Form. Die „verborgene Vernunft“, d.h. Formgebung durch Ingenieure und technische Konstrukteure einerseits und Form als Skulptur, künstlerische Manifestation oder Ausdruck hoher Emotionalität andererseits sind hier die Pole.
Photo: Rainer Viertlböck
Blick in die Präsentation „Mobility“. Foto: Rainer Viertlböck